Einführung in die Fünf Hauptschulen des Tibetischen Buddhismus

(der Originaltext ist in englischer Sprache auf: http://www.tibet.com/Buddhism/budintro.html zu finden. Nicht autorisierte Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Monika Eisenbeutel)

In Legenden wird erzählt, dass Tibet das Land Avalokiteshvaras, des Buddha des Mitgefühls, sei und das Tibetische Volk dessen Nachkommen. Einer Legende zufolge sei das Tibetische Volk aus der Paarung eines Affen, der eine Emanation Avalokiteshvaras war, und einer Menschenfresserin, die eine Emanation der Gottheit Tara war, hervorgegangen. Die Tibeter seien demnach aus dem Schoß Taras, im so genannten Yarlung-Tal, geboren worden.

Die frühe Tibetische Nation hatte bis 127 v. u. Z. keinen Herrscher oder Machthaber. Einer Legende zufolge floh ein indischer König namens Rupati, nach dessen Niederlage im Mahabarata-Krieg, über den Himalaya ins Yarlung-Tal. Dort wurde er als König von 12 weisen Bön Priestern eingesetzt. Diese glaubten König Rupati wäre vom Himmel herabgestiegen und verliehen ihm daher den Namen Nyatri Tsenpo. Zu dieser Zeit entwickelten die Tibeter eine ausgeprägte aber einfache Zivilisation, die auf dem Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit von Mensch und Natur basierte. Die vorherrschende Religion und Kultur der damaligen Zeit hieß Bön. Erst später kam der Buddhismus nach Tibet und beeinflusste nachhaltig die Bön-Tradition, die bis heute noch erhalten ist und von den Exil- Tibetern praktiziert wird.

Erst einige Zeit später wurde der Buddhismus zur anerkannten Religion Tibets. Der Buddhismus wurde 173 v. u. Z., während der Regierungszeit von König Lha Thothori Nyantsen, eingeführt und nach und nach an die damaligen Lebensumstände angepasst. Es ist zunächst den religiösen Königen zu verdanken, dass der Buddhismus zum integralen Lebensbestandteil wurde.

Im Alter von 13 Jahren übernahm König Song Tsen Gampo die Kontrolle des Königreiches und erbaute zwei Tempel in Lhasa, Rasa Trulnang Tsuglag Kbang und Ramoche Tsuglag Khang. Der junge König entsandte einen seiner Minister Thonmi Sambhota nach Indien um dort Sanskrit und Schreiben zu lernen. Das Ergebnis dieser Reise war, dass aus einer der damals vorherrschenden indischen Schriften, die tibetische Schrift geformt wurde. Er lud Acharya Kumara und Brahmin Shankara aus Indien, sowie den Nepalesen Acharya Shilmanju ein, welche Buddhas Lehren verbreiteten und übersetzten. Obwohl die buddhistische Lehre nicht sehr ausführlich studiert wurde, gab der König vielen Menschen Anweisungen zur Lehre, die hauptsächlich Arya Avalokiteshvaras Unterweisungen betrafen.

Während der Regierungszeit des Königs Trisong Detsen wurde der Buddhismus mit großer Tatkraft und großem Enthusiasmus verbreitet. Dies ist besonders Shantarakshita und Acharya Padmasambhava zu verdanken, die auf Bitten des Königs nach Tibet kamen um Buddhas Lehren zu verbreiten. Es wird gesagt, dass insgesamt einhundertacht Indische Gelehrte mit Tibetischen Übersetzern zusammengearbeitet haben, um die Buddhistische Literatur ins Tibetische zu übersetzen. Weiters waren Shantarakshita und Padmasambhava am Aufbau sämtlicher Klöster beteiligt.

Nach drei Generationen erteilte der religiöse König Tri Ralpachen die Verordnung, dass jeder Mönch von sieben Haushalten unterstützt werden sollte. Zeitgleich wurden tausende von Tempeln errichtet. Der König lud noch weitere zahlreiche Indische Meister ein, wie z.B. Acharays Jinamitra, Surendrabodhi und Danashila, welche mit den Tibetischen Übersetzern, wie Yeshede u.a., die früheren Übersetzungen, entsprechend einer revidierten Terminologie, überarbeiteten und standardisierten. Dies ermöglichte es, Buddhas Lehren verstärkt, auch außerhalb Tibets, zu verbreiten. Leider kam diese Goldene Ära, welche als "Ära der Tibetischen Könige Tibets" bekannt ist, bald an ihr Ende.

Der Nachfolger des Königs Ralpachen, König Lang Dharma, war Buddhas Lehren nicht gut gestimmt und unterstützte deren Verbreitung nicht. So kam es zur Plünderung vieler Klöster und Mönche wurden ermutigt, die Roben abzulegen. Viele von ihnen leisteten stattdessen dem Militär ihre Dienste. Mit dem Zerfall des Tibetischen Imperiums in kleinere Fürstentümer, brach ein dunkles Zeitalter über die tibetisch- buddhistische Kultur (her)an.

Wie auch immer, in dieser Zeit gelang es jedoch Mar Shakya Yeshi, Yogejung und Tsang Rabsel, Halter der Linie des großen Abts Shantarakshita, in die tibetische Region Domey (Nord-Osten) zu flüchten. Dort gaben sie unter Mithilfe zweier chinesischer Mönche, Lachen Gongpa Rabsel die volle Ordination, wodurch die tibetische Klostergemeinschaft neu belebt/wiederbelebt wurde. Auch die Ankunft von Sadhupala und anderen in Ober- Ngari (Westtibet), sowie dem großen Gelehrten aus Kashmir, Shakyashri, wurden die Kloster- Linien weitgehend verbreitet und die Klostergemeinschaften multiplizierten sich. Unter all jenen, die von Gongpa Rabsel, Lumey, und anderen die Ordination erhielten, kehrten nach Zentraltibet zurück und wiederbelebten den Buddhismus, indem sie Klöster und Tempel erbauten und die Lehre verkündeten.

Dennoch fand die stärkste Wiederbelebung des Buddhismus in Westtibet durch Lha Lama Yeshe Ö statt. Dieser folgte den früheren religiösen Königen und entsandte intelligente junge Tibeter nach Kashmir und errichtete ein (gedeihendes) Zentrum für Buddhistische Studien. Der hervorragende Übersetzer Rinchen Zangpo (958-1055) und sein Kollege Legpai Sherab kehrten nach Tibet zurück. Auch sie trugen zur Verbreitung der Lehre bei, indem sie die Schriften übersetzten, diese selbst lehrten und Klöster errichteten. Lha Lama Yeshe Ös Ausdauer und Hingabe zur Lehre schufen die Bedingungen, den großen Indischen Meister Atisha nach Tibet zu holen. Durch Atisha wurde die Lehre neu belebt und viele falsche Vorstellungen, die zur damaligen Zeit verbreitet waren, beseitigt. Er verfasste den berühmten Text "Die Lampe auf dem Pfad zur Erleuchtung", welcher DER Grundtext aller in der tibetisch- buddhistischen Tradition verfassten Texte zum Stufenpfad zur Erleuchtung, (tib.) Lamrim, ist.

Unter all den Schülern von Atisha war Drom Tönpa der berühmteste. Er führte später Atishas Lehren zusammen und gründete die Kadampa Tradition. In dieser Zeit wurden die Beziehungen zwischen Tibet und Indien wiederhergestellt und unter dem Einfluss unterschiedlicher Meister bildeten sich verschiedene Lehrtraditionen (teaching lineages) heraus. Dies führte allmählich zur Entstehung neuer Schulen, wie Sakya, Kagyu und Gelug. Auch die Nyingma Tradition wurde als eine eigenständige Form des Buddhismus anerkannt. Sie wurde von Guru Padmasambhava, während seines Aufenthalts in Tibet, begründet.

Der zunehmende Einfluss der Mongolen in Tibet führte zu der so genannten Priester- Schutzherr/Gönner- Beziehung zwischen mongolischen Herrschern und tibetischen Sakya- Lamas. So offerierte Kublai Khan dem Sakya Lama Drogön Chögyal Phagpa im Jahre 1253 drei tibetische Provinzen. Die Nachfolger des Sakya Lamas regierten Tibet 105 Jahre lang, als schließlich 1358 Tai Situ Jangchub Gyeltsen die Herrschaft von Tibet übernahm. Bis 1435 regierte die Phagmatrupa- Linie und dann fiel Tibets Herrschaft für vier Generationen lang, von 1435 bis 1565, in die Hände der Rinpung- Könige. Von 1566 bis 1641 regierten die drei Tsangpa- Könige.

Zur Wende des 16. Jh. hatten Macht und Einfluss der Gelugpas immer mehr zugenommen. Der dritte Dalai Lama, Sonam Gyatso (1543-1588), stärkte Tibets politische Zukunft/Aussichten, indem er die Mongolen zum Buddhismus zurückführte. Aus diesem Anlass hatte er, auf Einladung von Altan Khan, einem Tumet- Mongolen, 1578 die Mongolei besucht. Dieser verlieh ihm den Ehrentitel "Dalai Lama", was soviel wie "Ozean der Weisheit" bedeutet. Der vierte Dalai Lama, Yonten Gyatso, wurde als Kind einer Mongolischen Familie geboren. Ihn brachte man jedoch nach Tibet, weil er dort seine Ausbildung erhalten sollte. Im Jahre 1642 übergab Gushri Khan sowohl die spirituelle als auch die weltliche Herrschaft Tibets dem Großen Fünften Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatso (1617-1682). Der Fünfte Dalai Lama gründete die Ganden Phodrang- Regierung, welche auch heute noch unter der Führung des 14. Dalai Lama tätig ist.

Im Jahre 1959, als die militärischen Angriffe der Chinesen in Tibet immer häufiger wurden, suchte Seine Heiligkeit der Dalai Lama in Indien um Asyl an. Er errichtete eine tibetische Exilregierung, die um die Erhaltung der tibetischen Kultur und Erziehung, sowie Wohnhäuser und Klöster bemüht ist und sich für die politische Frage Tibets einsetzt. Dadurch konnten wichtige Schritte für die Erhaltung des Tibetischen Kulturerbes gesetzt werden. Der Rat für religiöse und kulturelle Angelegenheiten ist dafür verantwortlich, Tibets religiöse und kulturelle Tätigkeiten zu unterstützen, sowie Sozialhilfe für Klostergemeinschaften zu gewährleisten.

In den drei Regionen Tibets, U- Tsang, Dotö und Domey, gab es mehr als 6000 Mönchs- und Nonnenklöster. Die Mehrzahl dieser Klöster wurde von den Chinesen völlig zerstört und einige wenige blieben unbeschädigt. Im Exil, in Indien, Nepal und Bhutan, konnten mehr als 200 Klöster wieder aufgebaut werden. In aller Welt gibt es etwa 600 tibetisch- buddhistische Zentren, die sowohl als religiöse als auch kulturelle Zentren fungieren.

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